“A New World” – Die Story hinter dem Bild

Als die Berlinische Galerie 2012 ein Bild ausstellt, auf dem ein Baby im Kinderwagen mitten auf dem ehemaligen Todesstreifen steht, wird es schnell zum Publikumsliebling. Der Künstler, der es 1990 aufgenommen hat, ist Alfredo Jaar. Der gebürtige Chilene verbindet viele Emotionen mit dieser Fotografie, zeigt sie doch seinen Sohn. Nicolas Jaar ist heute 26 Jahre alt und als weltweit bekannter Musiker und Musikproduzent mindestens so berühmt wie sein Vater. Alfredo Jaars Fotografie trägt den Titel „A New World“.

Alfredo Jaar, „A New World“
Künstler Alfredo Jaar fotografierte 1990 seinen sechs Monate alten Sohn auf dem ehemaligen Todesstreifen am Potsdamer Platz

Wir haben den Künstler gefragt, wie es zu der Aufnahme kam. Er hat uns eine sehr persönliche Antwort gegeben:

„Ich lebte in New York, als die Mauer fiel, und habe dieses außergewöhnliche Ereignis in einem Wechselbad aus Gefühlen und Faszination verfolgt. 1990 bin ich mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Berlin gezogen. Es war mein zweiter Aufenthalt; zuvor hatte ich Berlin 1987 besucht, nach meiner Teilnahme an der ‚documenta 8’ in Kassel. Zu jener Zeit haben wir uns die Stadt intensiv angeschaut, auf beiden Seiten der Grenze.
Mein Sohn war 1990 gerade erst geboren, und ich hatte Angst vor dem neuen Leben, das nun vor ihm, meiner Frau und mir als Paar lag. Ich sah sofort die Parallelen zwischen unserer Situation und der Situation, in der sich nun die beiden Seiten Deutschlands befanden, die plötzlich wiedervereint waren. Es lagen viele Fragen in der Luft; alles war neu, nicht nur für die beiden Seiten des Landes, sondern auch für Europa, für die ganze Welt. Und unser Sohn hatte unser Leben komplett verändert. Es war tatsächlich eine ‚neue Welt‘.
Als Künstler wollte ich diesen speziellen Moment in meinem Leben darstellen, im Leben meines Sohnes, im Leben meiner Familie, und in der außergewöhnlichen neuen geopolitischen Realität, der sich die Welt nach dem Mauerfall stellen musste – und die wohl das Ende des Kalten Krieges bedeutete. So wurde ‚A New World’ geboren.“

Alfredo Jaar, Jahrgang 1956, lebt und arbeitet in New York. Seine Werke sind in einigen der wichtigsten Museen der Welt vertreten und werden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt. Häufiges Thema seiner Installationen, Film- und Fotoarbeiten sind politische Konflikte und Protest. Unter dem Titel „The way it is. Eine Ästhetik des Widerstands“ widmeten ihm 2012 in Berlin gleich drei Museen eine große Retrospektive: Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e. V., die Alte Nationalgalerie sowie die Berlinische Galerie, wo auch das Foto „A New World“ gezeigt wurde.

Galerie Thomas Schulte, Berlin
www.galeriethomasschulte.de, www.alfredojaar.net

Text: Linda-Luise Bickenbach
Foto: Alfredo Jaar, „A New World“, 1990, 5 pigment prints on ar chival paper, 120 x 180 cm each, Edition of 3 + 2 AP. Courtesy of Galerie Thomas Schulte, Berlin and the artist
Header Foto: Copyright Landesarchiv Berlin, Foto H. Sailer, Berliner Mauer; Potsdamer Platz (Tiergarten/Mitte), F Rep. 290 (02) Nr. 0115295