The Wall: Das Jahrhundert-Spektakel

Im Juli 1990 fand mit „The Wall“ auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen Brandenburger Tor und Leipziger Platz eines der größten Rockkonzerte der Welt statt.

Am Morgen des 21. Juli 1990 macht sich Volker Ehlers auf den Weg von Bad Bramstedt in Schleswig-Holstein nach Berlin. In der Tasche hat er Tickets für das Konzert „The Wall“. Der damals 24-jährige Fan der Band Pink Floyd will auf keinen Fall zu spät kommen. Über hunderttausend Menschen werden zu dem Rock-Festival erwartet, das noch dazu an einem historischen Ort stattfindet: Auf dem Niemandsland des ehemaligen Grenzstreifens mitten in Berlin, dem Potsdamer Platz.

„Ich hatte das Gefühl, jeder der jung war, wollte an diesem Tag nach Berlin“

Es ist die verrückte Zeit nach der Maueröffnung, der Sommer der Anarchie. Noch gibt es zwei souveräne Staaten, zwei Deutschlands, zwei Berlins, aber die Grenzen sind offen. Tausende pilgern täglich von Ost nach West und zurück. Zwei Jahre vorher musste Ehlers auf Anweisung der DDR-Grenzer noch seinen „The Wall“-Aufkleber am Auto schwärzen, um die Transitstrecke nach Berlin passieren zu dürfen. An diesem Samstag im Juli gibt es keine Kontrollen mehr, dafür Stau. Aus ganz Europa, aus den USA und sogar Japan reisen Menschen an, um die legendäre Show zu sehen. „Ich hatte das Gefühl, jeder der jung war, wollte an diesem Tag nach Berlin“, erinnert sich Ehlers. Das Konzeptalbum „The Wall“ von Pink Floyd handelt von dem jungen Musiker Pink, der von seiner Umgebung unterdrückt wird, eine imaginäre Mauer um sich herum aufbaut, sich zunehmend isoliert und in einen despotischen, gefühllosen Tyrannen verwandelt. Am Ende wird er von einem Tribunal verurteilt, diese Mauer zu zerstören. Die Story und der größte Teil der Songs stammen von Roger Waters, Kopf der Band. Die Show ist ein multimediales Bühnenspektakel mit einer meterhohen Mauer, die Stein für Stein errichtet und am Ende wieder eingerissen wird. Nach ihrer Premiere 1980 in Los Angeles gastierte sie nur in drei Städten: London, New York und Dortmund. Wegen der aufwändigen Technik kam damals eine Tournee im herkömmlichen Sinn nicht in Frage.

Zehn Jahre später will Waters nun mit einer Neuauflage seines Werks alle Superlative sprengen. Dort, wo bis vor wenigen Monaten die am strengsten bewachte Grenze Europas verlief, soll die apokalyptische Metamorphose von Pink stattfinden. Zwar hat die Geschichte von Waters Helden nichts mit der geteilten Stadt zu tun, die Mauer im Kopf nichts mit der realen aus Beton. Aber gibt es im Jahr 1990 einen Ort auf der Welt mit mehr Symbolkraft als Berlin?

Auf der staubigen Grasnarbe zwischen dem Brandenburger Tor und der Potsdamer Straße entsteht die größte Bühne, die bis dahin gebaut worden ist: 170 Meter lang und so breit wie eine Autobahn. Mehr als 300 Menschen haben vier Wochen am Aufbau und an den Spezialeffekten gearbeitet. Sie haben eine Mauer aus weißen Styroporquadern errichtet, höher als ein fünfstöckiges Gebäude. 59 Fernsehanstalten übertragen das Spektakel in die ganze Welt.

„Es war ein unbeschreibliches Gefühl, auf dem ehemaligen Todesstreifen zu stehen und dieses Konzert zu erleben. Ich war wie hypnotisiert.“

(Claudia Kupferschmidt, „The Wall“-Besucherin aus Ostberlin)

Mit seinen Bandkollegen von Pink Floyd ist Waters inzwischen zwar verkracht, dafür verpflichtet er Superstars wie Van Morrison, Bryan Adams, Cyndi Lauper, die Skorpions und Ute Lemper für seine düstere Rockoper. Ohne Bezahlung übrigens, denn die MegaShow firmiert als Benefizkonzert für einen Fond zur weltweiten Katastrophenhilfe.
Schon mittags belagern Fans die Eingänge, die Ordner müssen das Gelände früher öffnen als geplant. „Es war unglaublich heiß und staubig, und es gab viel zu wenig Imbiss- und Getränkestände“, erinnert sich der aus Bad Bramstedt angereiste Volker Ehlers. Gegen Abend versammeln sich immer mehr Menschen, die kein Ticket bekommen haben, vor den Absperrungszäunen, die das Konzertgelände sichern. Eine von ihnen ist die Ost-Berlinerin Claudia Kupferschmidt, damals 21 Jahre alt. Sie kann ihr Glück kaum fassen, als die Ordner dem Druck der Massen nachgeben und die Tore öffnen. 180.000 Tickets haben die Veranstalter verkauft. Am Ende werden fast doppelt so viele Menschen ungeduldig am Potsdamer Platz darauf warten, dass die Show endlich losgeht.

Schon beim zweiten Lied fällt der Ton aus

Flakscheinwerfer kreisen über dem Himmel, ein Baukran bewegt die alienartige Lehrerpuppe, die mir ihren Spinnenhänden über die Styropormauer greift, während Cyndi Lauper die Zeilen der weltbekannten Ungehorsams-Hymne hinausschreit: „We don’t need no education, we don’t need no thought control“. „Es war Wahnsinn“, erinnert sich Claudia Kupferschmidt: „Die Musik, diese abgefahrenen Trickfilmsequenzen, dazwischen immer wieder die knatternden Rotorengeräusche der Hubschrauber, ich fand es einfach toll.“
Volker Ehlers hingegen ist enttäuscht. Schon beim zweiten Lied fällt der Ton komplett aus. Nach kurzer Zeit wird das Konzert fortgesetzt, doch die Anlage reicht nicht aus, um das ganze Gelände zu beschallen. „Man hat kaum etwas gehört“, sagt Ehlers. So wie ihm geht es zig-tausend Besuchern, die nicht direkt vor der Bühne standen. Trotzdem ist Ehlers froh, dabei gewesen zu sein: „Die Partystimmung, die vielen Leute aus der ganzen Welt, das war etwas ganz Besonderes.“

Er wird das Konzert noch einmal erleben: Am 15. und 16. Juni 2011 kehrte Roger Waters zum 30-jährigen Jubiläum von „The Wall“ zurück nach Berlin.

Text: Ulrike Schattenmann

the wall concert