Diskret versenkt: Das unterirdische Ver- und Entsorgungszentrum

Die Firma Alba Berlin sorgt in ihrem unterirdischen Ver- und Entsorgungszentrum dafür, dass im Quartier alles ankommt, was man zum Leben, Arbeiten und Handeln braucht – ohne dass es jemand bemerkt. Eine logistische Meisterleistung.

Das Quartier Potsdamer Platz ist nichts anderes als eine kleine Stadt in der großen: Hier leben und arbeiten rund 10.000 Menschen, es gibt private Wohnungen, zwei Hotels, über 30 Restaurants und mehr als 130 Fachgeschäfte. Jeden Tag flanieren bis zu 100.000 Besucher durch die Straßen, sie bewundern die Gebäude, genießen Kunst und Kultur, gehen essen und trinken. Dass in dem urbanen Ensemble kein einziger Lkw, Liefer- oder Müllwagen auf den Straßen unterwegs ist, fällt ihnen kaum auf.

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Das Herz des Potsdamer Platzes schlägt unter der Erde, genauer gesagt, unter dem Marlene-Dietrich-Platz

Und so soll es auch sein. Denn die Anlieferung von Waren und Lebensmitteln, der Abtransport von Müll und Reststoffen sind buchstäblich vom Erdboden verschwunden. Diskret versenkt, gleichsam weggezaubert. Das Herz des Quartiers schlägt in 15 Meter Tiefe, direkt unter dem Marlene-Dietrich-Platz. Hier wird gebracht und geholt, ein- und aussortiert, gesammelt und verteilt. Hier befindet sich das in Europa einzigartige Logistikzentrum, das den Potsdamer Platz von Lieferverkehr frei hält: Das Ver- und Entsorgungszentrum VEZ der Alba Facility Solutions GmbH. Dass es sich unter der Erde befindet, hat seinen guten Grund: „Stellen Sie sich mal den Zulieferverkehr und die Müllautos in den Straßen des Quartiers vor“, sagt Klaus-Dieter Krüger. Der Potsdamer Platz versänke im Verkehrschaos.

Zu Stoßzeiten kann es laut werden

Krüger ist als Objektleiter zuständig für das VEZ und so etwas wie der Herr der Unterwelt. Er und sein Team halten den Laden sauber. Zehn Beschäftigte sorgen in zwei Schichten für den reibungslosen Ablauf von An- und Ablieferung – an 365 Tagen im Jahr. Jetzt, am Nachmittag ist es ruhig. Zu Stoßzeiten indes, sagt Krüger, kann es laut werden. Täglich rollen 160 bis 180 Lieferwagen und Lkws über die Zufahrtsrampe von der B 96 herein, die meisten zwischen sechs Uhr morgens und dem frühen Nachmittag. An der Schranke werden Ankunftszeit, Lieferunternehmen und Lieferziel registriert. Dann können die Fahrzeuge an Rampen andocken, 19 sind es insgesamt.

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Täglich werden hier bis zu 180 LKWs abgefertigt

Dort empfängt sie ein Mitarbeiter, der auf zügige Abfertigung achtet. „Den Anweisungen des Rampenmeisters ist unbedingt Folge zu leisten!“, mahnt ein Schild direkt unter der hohen Betondecke. „Daran halten sich die Leute“, sagt Krüger, „Ordnung muss sein. Vor allem bei Veranstaltungen wie der Berlinale kann es hier eng werden.“ Er selbst steht nicht an der Rampe, sondern bezeichnet sich als Schreibtischtäter. Krügers Büro befindet sich hinter den Rampen, er teilt es mit einem Kollegen, der die kaufmännischen Abläufe betreut. Auf ein sonnendurchflutetes Büro über der Erde verzichtet er gerne; er ist lieber „nah dran und direkter Ansprechpartner für die Fahrer, die Mieter oder auch die PPMG, die das Quartier managt.“

Das Konzept war durchdacht und zukunftsfähig

Damals, auf der seinerzeit größten Baustelle Europas, war die private Firma bereits der Hauptentsorger für Schutt, Abraum und Baumüll. Der Gedanke, die Ver- und Entsorgung der künftigen neuen Mitte Berlins auch nach Fertigstellung zu übernehmen, lag auf der Hand – genau so wie die Idee, diese Aufgabe unter die Erde zu verlegen. Doch unterirdische Projekte dieser Dimension stießen damals – ähnlich wie der Tiergartentunnel – auf Vorbehalt. Gleichwohl konnte sich Alba mit seiner Idee und seinen Erfahrungen vor Ort in der europaweiten Ausschreibung gegen zahlreiche Konkurrenten durchsetzen. Das Konzept war durchdacht und zukunftsfähig: Was damals überirdisch funktionierte, musste auch unter der Erde möglich sein. Heute, 15 Jahre später, entspricht das VEZ genau den damals prognostizierten Anforderungen. „Und wir sind damals pünktlich fertig geworden“, fügt Krüger lächelnd hinzu. Auf diese Tatsache darf man mittlerweile bei Berliner Großprojekten zu Recht stolz sein.

Klaus-Dieter Krüger war auch dabei, als die Digitalisierung im Recycling Einzug hielt, in Form einer neuartigen Wiegesoftware. Sie kommt zum Einsatz, nachdem der Müll eingesammelt wurde: Insgesamt 500 Container mit einem Fassungsvermögen von 1.100 Litern – das entspricht dem Inhalt von neun Badewannen! – transportiert ein Elektrozug täglich von den 17 Gebäuden des Quartiers in das Herzstück des VEZ, die 4.800 qm große Halle.

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Müll einchecken an der Selbstbedienungsanlage

Dort wird der Abfall per Barcode dem Kunden zugeordnet und auf 100 Gramm genau gewogen, bevor er in die Müllpressen kommt und schließlich per LKW zu den Verwertungsstationen gefahren wird. Jährlich werden so mehr als 3.500 Tonnen Abfälle umweltgerecht entsorgt. Mieter mit kleineren Abfallmengen machen sich zu Fuß auf den Weg in die Halle. An Selbstbedienungsanlagen loggen sie sich mit ihrer Kundenkarte ein und können dann ihre Abfälle selbst abwiegen. Die Daten werden elektronisch erfasst und gespeichert, die Abrechnung ist jederzeit transparent. So werden die Betriebskosten gerecht verteilt: Die kleine Boutique zahlt weniger als der Supermarkt.

Ein Familienunternehmen ist die Firma noch heute

Die Alba Group hat Erfahrung mit Reststoffverwertung: Seit 1968 ist das Unternehmen am Markt. Klaus-Dieter Krüger kann sich noch gut erinnern, wie er mit dem Alba-Gründer Franz Josef Schweitzer von einem Weddinger Hinterhof aus die ersten Mülltouren unternahm. „Nach der Tour haben wir abends noch gemeinsam Papier gesammelt. Das Verhältnis war sehr locker, damals war Alba ein kleiner Familienbetrieb.“ Ein Familienunternehmen ist die Firma noch heute, nur agiert sie mittlerweile weltweit – mit 9.000 Beschäftigten, 200 Tochterunternehmen und einem jährlichen Umsatz von 3,2 Milliarden Euro.

Als Umweltdienstleister hat sich Alba schon früh einen Namen gemacht. Kurz nachdem im Jahr 1972 das erste deutsche Abfallgesetz erlassen wurde, hat das Unternehmen reagiert und das „Berliner Modell“ eingeführt: Der Entsorger stellte verschiedenfarbige Wertstofftonnen auf, sodass Glas, Pappe und Papier getrennt gesammelt und verwertet werden konnten. Krüger hat damals die ersten Abfallsortierstationen geleitet. Das war sein Einstieg in die moderne Recyclingtechnologie, die seither rasante Fortschritte macht.

Ein Beispiel dafür steht in einem Nebenraum der VEZ-Halle: die Dehydrieranlage, die Speiseresten die Flüssigkeit entzieht. Hier sortiert ein Mitarbeiter aus den Essenresten der 30 Restaurants erst einmal die Fremdkörper aus, Teller etwa, Servietten, Besteck, Schraubverschlüsse. Dann wird die Metallwanne mit der Masse hydraulisch angehoben und in die Anlage geschüttet. Die Dehydrierung reduziert Masse und somit Abfallvolumen. Übrig bleibt eine Maische, die in den Fettabscheider kommt, wo Wasser von Fett getrennt und geklärt wird.

Speisereste machen im Quartier einen Großteil des Müllaufkommens aus. Bis vor einigen Jahren wurden jährlich 15.000 Container zur Weiterverwertung in die Bioanlagen transportiert – enorme Transport- und Logistikkosten sind entstanden. Krüger hat sich nach einer Lösung umgeschaut und ist bei einem österreichischen Hersteller fündig geworden: Dieser stellt kleine Dehydrieranlagen für die Schifffahrt her. Alba ließ eine dieser Maschine auf Potsdamer-Platz-Dimensionen aufrüsten und installieren. Seither fahren nur noch 5.000 Container zu den Sammelstellen, die Kosten wurden erheblich gesenkt.

Wenn die Halle das Herz des Quartiers ist, dann sind die Versorgungsgänge die Arterien. Labyrinthartig breiten sie sich vom unterirdischen Zentrum aus und führen zu 17 Lastenaufzügen, mit denen die Zulieferer jedes Geschäft und jeden Endkunden erreichen – trockenen Fußes und ohne den Alltag über der Erde zu stören. Große blaue Schilder weisen den Lieferanten den Weg. Hinter einer Kurve öffnet sich eine große Tür; im Raum dahinter drängen sich dicht an dicht zahllose Kleiderständer: das Lager von H&M.

Alba legt Wert auf gute Arbeitsbedingungen

Halle, Versorgungsgänge, Abfallsammelräume und natürlich die Container werden regelmäßig gereinigt. „Noch nicht mal im Sommer haben wir hier Fliegen“, sagt Krüger. Schließlich kommen auch Mieter in die Sammelräume. Nicht zuletzt ist das VEZ der Arbeitsplatz für zehn Mitarbeiter. „Unsere beiden ältesten sind seit der Eröffnung 1998 dabei, die anderen seit sechs bis acht Jahren“, erzählt Krüger. „Alba legt Wert auf gute Arbeitsbedingungen, das gilt erst recht für hier unten. Bis ein neuer Mitarbeiter sich auf den knapp 5.000 Quadratmetern auskennt, vergeht ein halbes Jahr. Schließlich muss jeder auch die Arbeit des anderen kennen, um bei Urlaub oder Krankheit einspringen zu können.“

In der Tat ist das unterirdische Herz des Quartiers groß, verwinkelt und gänzlich ohne Sonne. Klaus-Dieter Krüger stört es nicht. 40 Jahre arbeitet er jetzt für Alba, 15 davon im VEZ Potsdamer Platz. Seit seiner Arbeit an den ersten Sortierstationen von Alba ist er „aus dem Keller nicht mehr rausgekommen“. Manchmal verbringt er die Pause oben im Tilla-Durieux-Park. Meistens nicht sehr lange. Wenn das Handy klingelt, braucht wieder irgendjemand Hilfe. An der Rampe, der Dehydriermaschine, den Lastenaufzügen oder der Selbstwiegeanlage. Denn tief unter der Erde, im logistischen Zentrum des Potsdamer Platzes, hört das Herz nie auf zu schlagen.

Text: Bernd Ratmeyer