Ein neues Zuhause für die blauen Männer

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Ein Ballon bildet den Rohling für die Kuppel

Wo einst ganz großes Kino gezeigt wurde, spielen heute die blauen Männer mit Farbtöpfen, Trommeln und Plastikröhren: So wurde aus dem IMAX am Potsdamer Platz das Stage BLUEMAX Theater.

In jenen Jahren, in denen 3-D noch nicht das Unterhaltungsmaß aller Dinge darstellte, war schiere Größe ein echter Hingucker. Und genau die hatte das „Discovery Channel IMAX Berlin“ am Marlene-Dietrich-Platz 4 mit seiner überdimensional großen Leinwand zu bieten. Sie deckte das gesamte Blickfeld ab und sorgte dafür, dass die Zuschauer sich mitten im Filmgeschehen wähnten – Schwindelanfälle inklusive. Die Leinwand und 440 Besucher fanden in einer riesigen Kuppel Platz, deren Entstehungsgeschichte zwar keine filmtechnische, aber eine architektonische Weltneuheit war.

Himmelblauer Luftballon

bau-der-kuppelIm August 1997 wurden Tausende von Schaulustigen, Architekturbegeisterten und Journalisten Zeugen einer der kuriosesten Verfahren der jüngeren Baugeschichte: An der Spitze des IMAX-Rohbaus wuchs ein überdimensionierter, blauer Luftballon in den Himmel, der zuvor aus 2.000 Quadratmeter Kunststofffolie eigens auf die Maße des Gebäudes zurechtgeschneidert wurde. Nach einer Stunde war der Gigant aufgeblasen und erreichte einen Durchmesser von 35 Metern – die Schalung für die eigentliche Betonkuppel. Damit die Kugel nicht in sich zusammenfiel, herrschte permanenter Überdruck; die Arbeiter konnten die bizarre Baustelle nur durch eine Luftschleuse betreten. Gleichsam unter Tiefseebedingungen wurde in den nächsten acht Wochen der Beton Schicht um Schicht kopfüber aufgespritzt, bis eine Wandstärke von 30 Zentimetern erreicht war. Erst dann konnten Plätze und Leinwand eingebaut werden, Foyer und Projektionstechnik wurden installiert und das Großbildabenteuer nahm seinen Lauf: Das IMAX Berlin eröffnete Ende 1997 und wurde rasch zum erfolgreichsten Großleinwandkino der Welt. Doch nur für kurze Zeit. In der Nachbarschaft etablierte sich Konkurrenz, außerdem gab es juristische Auseinandersetzungen mit dem kanadischen Vermarkter – die Einnahmen sanken kontinuierlich, trotz der Aufrüstung auf 3-D. Im Juli 2006, nach neun Jahren, gab der Betreiber auf.

Nur zwei Jahre vor der Schließung des IMAX begann in unmittelbarer Nachbarschaft, im Theater am Potsdamer Platz, ein anderes Unterhaltungsabenteuer, das genauso hätte scheitern können. Doch was dort im Juli 2004 Europapremiere feierte, sollte dauerhaften Erfolg haben: Die anarchische, bunte und laute Show „Blue Man Group“ wagte den Sprung über den Teich von New York nach Berlin. Chris Wink, einer der drei originalen Blue Men, erinnert sich: „Man hatte uns gewarnt. Die Deutschen seien steif und wenig emotional. Aber alle haben sich geirrt.“

Blue Man Group

 

 

Wider Erwarten feiern die blauen Männer in Deutschland dieselben Erfolge wie seit ihrem mutigen Start 13 Jahre zuvor in New York. 1991 fanden sich die drei Schlagzeuger Chris Wink, Philip Stanton und Matt Goldman zusammen, um eine neue musikalische Ausdruckweise zu schaffen, die über die Beschränkungen ihres Instruments hinausgehen sollte. Daraus entstand eine Bühnenshow, die witzig, musikalisch und mitunter philosophisch war. „Wir wollten ein ursprüngliches Element in unserer Show, etwas Kreatives und Schöpferisches“, erzählt Philip Stanton. „Wir warfen die Wohnzimmermöbel aus dem Fenster, um Platz zum Bauen von Trommeln zu haben. Wir wussten einfach instinktiv, dass wir Trommeln brauchen.“

Mit PVC und Schaumgummi zum Welterfolg

Musik auf PVC-Röhren

In einem Laden für PVC-Schläuche versorgten sie sich mit Material und bastelten Trommeln aus Polyvinylchlorid-Röhren, die mit Schaumgummi-Paddeln angeschlagen werden. Die Tonlage jeder Note wird dabei von der Länge der Röhre bestimmt.
In schwarzen Kostümen und blauer Haut trommelten sich die drei Wagemutigen durch die Off-Broadway-Theater – und direkt in die Herzen der Zuschauer. Innerhalb weniger Jahre wurde aus der Show ein Unternehmen, das in ganz Amerika sowie in Tokio spielte. Und seit 2004 auch am Potsdamer Platz. Bereits die umjubelte Premiere machte klar: Die Blue Man Group wird in Deutschland bleiben. 2006 wurde es dann Zeit für ein eigenes Haus. Das nun leerstehende IMAX-Kino direkt gegenüber bot sich an. Während also die Blue Man Group im großen Theater weiter beständig für Rekordbesucherzahlen sorgte, wurde auf der anderen Seite des Marlene-Dietrich-Platzes eifrig umgebaut.

Umzug in einer Nacht

Leuchtend blau: das Stage BLUEMAX Theater bei Nacht

Die große Rundkuppel ließ sich hervorragend für die Show nutzen: Die Ränge mit über 600 Sitzen steigen steil an und bieten hervorragende Sicht auf das perkussive Spektakel der blauen Männer. Der Raum fasst weniger Besucher als das großzügige Theater am Potsdamer Platz mit 1.800 Plätzen. Doch der Show tut das gut; sie lebt von der unmittelbaren Interaktion mit den Zuschauern.

Am 1. Februar 2007 war es soweit. Einen Abend zuvor brannte die Truppe ihr Trommelfeuerwerk an der alten Spielstätte ab, um noch in derselben Nacht ihr neues Domizil zu beziehen. Am 4. Februar 2007 stieg die offizielle Eröffnungsparty mit Ehrengästen. Seither residieren in genau jenem Kuppelbau, der zehn Jahre zuvor durch einen himmelblauen Luftballon geformt wurde, drei blaue Männer. Und mit ihnen ihre Instrumente: 60 Trommeln und Rhythmusinstrumente stehen pro Show zur Verfügung, darunter 14 eigens gefertigte PVC-Röhrentrommeln. Zusammengesteckt ergeben sie eine Länge von 180 Metern. Und die Blue Men sind nicht alleine auf der Bühne: Eine vierköpfige Band musiziert an zwei Schlagzeugen, sechs Percussion-Sets, Bass und Gitarre. 150 Mikrofone übertragen den Sound auf 60.000 Watt starke Lautsprecher – Anarchie in der Klangqualität großer Konzertsäle. 130 bewegliche Scheinwerfer, 70 Stroboskope und acht bewegliche Projektoren setzen die Blaumänner ins rechte Licht. So wurde aus dem IMAX-Kino das Stage BLUEMAX Theater – und wenn die Jungs mit ihrer Mischung aus Comedy, Musik und Artistik so weitermachen, wird sich daran auch in Zukunft sicher nichts ändern.

 

Text: Bernd Ratmeyer | Fotos: Vincent Mosch, Rolf Schäfer und stage entertainment