ANFÄNGE

 

Rudolf Krüger / Landesarchiv Berlin

Vom Stadttor zum Stadtzentrum

Alles begann mit dem „Platz vor dem Potsdamer Tor“, einer fünfarmigen Straßenkreuzung vor dem Potsdamer Tor – einem der 14 Berliner Stadttore. 1838 wurde hier der Potsdamer Fernbahnhof eröffnet. Binnen weniger Jahrzehnte entwickelte sich der Platz zu einem großstädtischen Warenumschlagplatz und sogar zu einem der belebtesten Plätze Europas. Damals galt das Areal noch als am Stadtrand gelegen.

Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 erlebte der Potsdamer Platz mit dem Bau großer Gebäude und zahlreicher gastronomischer Betriebe schließlich einen wahren Boom. Berlin befand sich im wirtschaftlichen Aufschwung, seine wohlhabenden Bürger zogen vor die Tore der Stadt und die berühmten Tiergarten-Villen wurden gebaut. Das „Grand-Hotel Bellevue” und das „Palast-Hotel” eröffneten noch vor der Jahrhundertwende; der „Fürstenhof” folgte 1907 sowie ein Jahr später das „Esplanade“. Innerhalb von nur 70 Jahren entstand ein pulsierendes Quartier.

DIE ZWANZIGER JAHRE

 

Schnelle Tage, lange Nächte am Potsdamer Platz der Goldenen Zwanziger

Wollte man in den Goldenen Zwanzigern den Puls Berlins spüren, dann war man am Potsdamer Platz richtig. Damals war er der verkehrsreichste Verkehrsknoten Europas mit S- und U-Bahnanschluss sowie 26 Straßenbahn- und fünf Buslinien. Täglich überquerten 20.000 Autos den Platz und am Potsdamer Bahnhof wurden rund 83.000 Reisende gezählt. 1924 wurde der fünfeckige Verkehrsturm errichtet und somit die erste Ampel in Europa. Sie wurde schließlich zu einem Wahrzeichen der pulsierenden Metropole Berlin.

Auch das Gesicht des Potsdamer Platzes veränderte sich ständig: Altes wurde abgerissen, um Raum für Neues zu schaffen. An die Stelle des Klassizismus trat die Neue Sachlichkeit. Inmitten großer Hotels und des blühenden gesellschaftlichen Lebens der 1920er Jahre entwickelte sich der Potsdamer Platz zu einem Zentrum des bürgerlichen Amüsements. Legendäre Etablissements wie der damals größte deutsche Vergnügungspalast „Haus Vaterland“ oder der „Ufa-Filmpalast“ und der „Europa-Tanz-Pavillon“ prägen bis heute die Vorstellung der Goldenen Zwanziger in Berlin.

In den „Rheinterrassen“, einem der Restaurants im „Haus Vaterland“, erzeugte man sogar mehrmals am Abend mit elektrischen Lichtblitzen und Regen aus Wasserleitungen Gewitter. Die Bücher des Krimi-Autors Volker Kutscher vermitteln heute noch ein wunderbares Gefühl, wie die Stadt und ihre Mitte einen Schmelztiegel der Kulturen bildeten.

Waldemar Titzenthaler / Landesarchiv Berlin

KRIEG UND ZERSTÖRUNG

 

Landesarchiv Berlin

Der Potsdamer Platz in Trümmern

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Potsdamer Platz fast vollständig zerstört. Nur das Weinhaus Huth und die Ruine des Hotels Esplanade standen 1945 noch auf dem zuvor so lebendigen Platz. Nach Kriegsende wurde der Potsdamer Platz zunächst zum „Dreiländereck“ zwischen dem sowjetischen, dem britischen und dem amerikanischen Sektor und galt als blühender Schwarzmarkt. Mit der Einführung der D-Mark in den westlichen Sektoren und dem Beginn der Berliner Blockade im Juni 1948 wandelte sich das Bild jedoch drastisch: Am 21. August 1948 wurde der Grenzverlauf zwischen dem sowjetischen Sektor und den angrenzenden Westsektoren erstmals mit einem Strich auf dem Asphalt markiert. In der Erwartung eines baldigen Wiederaufbaus wurde am Potsdamer Platz zunächst ein Teil der Bebauung notdürftig wiederhergerichtet. Während des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 im Osten Berlins brannten die Gebäude jedoch erneut nieder. Der daraufhin folgende großflächige Leerstand und die ungeklärten Verhältnisse ließen den Platz über Jahrzehnte hinweg das Dasein eines uninteressanten Randgebietes fristen.

DEUTSCHE TEILUNG

 

Der Eiserne Vorhang verlief quer über den Potsdamer Platz

Mit dem Bau der Mauer wurde der Platz 1961 für 28 lange Jahre geteilt und zum Grenzgebiet mit dem breitesten Todesstreifen Berlins. Fast alle Gebäude, die innerhalb des Niemandslandes standen, wurden abgerissen. Die Ruinen auf der westlichen Seite der Mauer wurden vom Berliner Senat aufgekauft und nach und nach abgetragen. So wurden unter anderem die Überreste des Prinz-Albrecht-Palais, des Vox-Hauses, des Völkerkundemuseums, des Hauses Vaterland oder auch des etwas weiter südlich gelegenen Anhalter Bahnhofs entfernt.

Zu jener Zeit war geplant, das Gelände für den Bau einer Stadtautobahn zu nutzen, welche letztendlich erst nach der Wende in Form des Tunnels Tiergarten Spreebogen realisiert wurde.

H. Sailer / Landesarchiv Berlin

WIEDERVEREINIGUNG

 

Edmund Kasperski / Landesarchiv Berlin

Der Potsdamer Platz als Schauplatz der Wiedervereinigung

Von 1961, dem Jahr des Mauerbaus, bis 1989 war der Potsdamer Platz mit dem breitesten Todesstreifen Berlins eine große innerstädtische Brache. Erst mit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 rückte das Gelände plötzlich wieder ins Zentrum des Interesses. Quasi über Nacht stellte sich an dem jahrzehntelang brachliegenden Platz eine völlig neue Situation ein. Bereits einige Tage nach Beschluss der Maueröffnung wurde am Potsdamer Platz ein Stück der Mauer herausgebrochen und am 12. November ein provisorischer Grenzübergang geschaffen. Kurze Zeit nach der Öffnung der Mauer im Jahr 1990 wurde die Fläche zwischen dem Potsdamer und dem Pariser Platz für das bislang größte Konzert in der Geschichte der Rockmusik genutzt. Zwischen den Überresten der Mauer spielte der Pink Floyd-Gründer Roger Waters zusammen mit seiner Band das legendäre Konzert „The Wall“ auf dem ehemaligen Grenzstreifen.

BAUPHASE

 

Der Potsdamer Platz als größte innerstädtische Baustelle Europas der 1990er Jahre

Vor dem Fall der Mauer war der Potsdamer Platz im Wesentlichen eine Brache oder Teil des Mauerstreifens. Nach dem Mauerfall wandelte sich das Gelände rasant zur größten innerstädtischen Baustelle Europas. Um das immense Bauprojekt organisatorisch zu meistern, wurde der Platz in vier Teilprojekten entwickelt. Jedes Baufeld erhielt dabei eine eigene Gesamtbauleitung, die mit den ausführenden Unternehmen Hand in Hand zusammenarbeitete.

Berliner und Touristen konnten den Fortschritt der Bauarbeiten von der „Infobox“ aus beobachten. Das knallrote Gebäude bildete von 1995 bis 2001 einen markanten Besuchermagnet am Leipziger Platz mit Blick auf die Großbaustelle.

Allein schon die zu errichtenden Verkehrsbauwerke ließen erahnen, wie komplex die Erschaffung einer komplett neuen Berliner Mitte war: die Tunnelteilstücke der Bundesstraße 96 und der U-Bahn-Linie 3 sowie der Regionalbahnhof, der unmittelbar unter dem Potsdamer Platz realisiert wurde. Allesamt wichtige Meilensteine um den Potsdamer Platz wieder in das Berliner Stadtleben zu integrieren.

Vincent Mosch

NEUBEGINN

 

Vincent Mosch

Europas berühmteste Baustelle am Potsdamer Platz

Nach der Wiedervereinigung wurden die Grundstücke des Potsdamer Platzes vom Berliner Senat an die damalige Daimler Benz AG veräußert und der Potsdamer Platz entwickelte sich während der 1990er Jahre zur größten innerstädtischen Baustelle Europas. Grob unterteilt entstanden dort zwei unterschiedliche Komplexe: das nordwestliche rund 27.000 Quadratmeter umfassende Sony Center und der circa 70.000 Quadratmeter große Potsdamer Platz. Das Sony Center wurde von dem US-Amerikaner Helmut Jahn gestaltet und beherbergt unter anderem ein Kino, ein Filmmuseum, Apartments und Büros sowie die europäische Zentrale des Elektronikkonzerns. Richtung Potsdamer Platz endet das Areal mit dem Hochhaus der Deutschen Bahn. Südlich schließen sich die von Renzo Piano und Christoph Kohlbecker entworfenen Gebäude an.

GEGENWART

 

Das 21. Jahrhundert: Der Potsdamer Platz als urbanes Musterquartier

Die Daimler AG entschied sich im Jahre 2007, das nun entwickelte Stadtquartier an die schwedische Bank SEB zu veräußern. Unter der Eigentümerschaft der SEB wurde der Potsdamer Platz für seine vorbildliche ökologische Gestaltung 2011 mit dem Silberzertifikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ausgezeichnet.
Im Jahr 2015 erwarb das kanadische Immobilienunternehmen Brookfield gemeinsam mit Joint Venture-Partnern das Areal. Seitdem konnten international renommierte Unternehmen wie Bombardier oder Bain & Company sowie Berliner Start Ups wie Käuferportal als neue Mieter gewonnen werden. Jeden Tag zieht der Potsdamer Platz 110.000 Besucher aus Berlin, dem In- und Ausland an: Sie genießen das facettenreiche Angebot mit komfortablen Büros, ausgedehnten Grünflächen, erstklassigem Entertainment sowie vielfältigen Gastronomie- und Shoppingangeboten.

Vincent Mosch