„Hier ist meine Heimat“: Eine Anwohnerin liebt ihren Potsdamer Platz

siegrid-klinke_hier-ist-meine-heimatWenn jemand weiß, was für einen Wandel der Potsdamer Platz in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat, dann Siegrid Klinke.

Vor 48 Jahren zog die Berlinerin in das Haus Huth – eine Liebe auf den ersten Blick, die bis heute währt.

Von ihrer Wohnung aus blickt Siegrid Klinke auf die eigene Vergangenheit: Lehnt sie sich auf ihrem Balkon in der Voxstraße ein wenig vor und schaut nach links, kann sie das Haus Huth sehen. Im dritten Stock des grauen Gebäudes hat sie über 26 Jahre lang gewohnt, in einer Zeit, die man sich heute mit Blick auf die wolkenkratzenden Neubauten und die vielen Menschen, die an Siegrid Klinkes Balkon vorbeieilen, kaum noch vorstellen kann.

Denn als die Artistin 1968 in das Haus Huth zog, war vom Potsdamer Platz nicht mehr viel übrig. Durch den Zweiten Weltkrieg und den Mauerbau war er zur Brache geworden, das Grenzgebiet vollends ins Abseits der städtischen Entwicklung geraten. „In der Ruine des Vox-Hauses campierten Obdachlose und machten dort schon mal ein Feuerchen. Und hier direkt gegenüber war ein kleener Laden mit Konfitüren, bisschen Büchsenmilch, und wo wir jetzt sind, stand ein flacher Bau, eine Kneipe. Der Rest war Walachei“, erinnert sich Siegrid Klinke. Wenn sie abends die letzte Runde mit ihrem Pudel machte, dann sei das „schon ein bisschen unheimlich“ gewesen und man hätte dabei „ganze Kriminalromane spinnen“ können.

Mitte der 70er-Jahre wurde am Potsdamer Platz dann endgültig Kahlschlag gemacht.

Das Haus Huth blieb allein auf freier Fläche neben den Überresten des Hotels Esplanade stehen. Bei Regen brauchte Siegrid Klinke Gummistiefel, um die Brache rund um das Haus durchqueren zu können. Ein Paar hatte sie deshalb immer im Kofferraum ihres Autos liegen.

50 Quadratmeter, zwei Zimmer, 175 Mark Miete im Monat, hieß es in der Annonce, die Siegrid Klinke in der Zeitung gelesen hatte. Und schon beim Besichtigungstermin verliebte sich die damals 39-Jährige in das einsame Gebäude am Potsdamer Platz: „Man kam in das Haus und wurde umfangen, so warm. Es roch fantastisch, denn im ersten Stock gab es einen Seifengroßhandel. Und dann dieser Fahrstuhl! Der funktionierte nur mit Schlüssel und hatte links und rechts Spiegel.“ Aber auch von den Marmorwänden im Hausflur und einem Bleiglasfenster, das von der ersten Etage bis in den obersten Stock verlief und mit bunten Figuren eine Geschichte erzählte, schwärmt sie. Dass ihr Haus als Solitär in der Nachkriegs-Einöde stand, hat sie nie gestört: „Warum hät’ mich dat stören sollen? Ick hab’ immer Menschen um mich gehabt, für mich war dat hier Erholung.“

Wenn jemand weiß, was der Potsdamer Platz in den vergangenen Jahrzehnten für einen Wandel durchgemacht hat, dann Siegrid Klinke: Bereits als Kind flanierte sie mit ihren Eltern sonntags die Leipziger Straße hinunter, bis zum Wertheim-Kaufhaus mit den großen Schaufenstern, die sie damals so gern anschaute. Als Mieterin im Haus Huth konnte sie von ihrer Wohnung aus die zugemauerten U-Bahn-Eingänge sehen, das Niemandsland auf der anderen Seite der Mauer, Autowracks lagen herum, Busladungen von Mauerguckern stiegen auf die Aussichtsplattform. Aber auch prominente Gäste wie Margaret Thatcher oder die Queen kamen vorbei. Und als die Mauer fiel und der Potsdamer Platz zur größten Baustelle Europas wurde, war Siegrid Klinke die letzte, die 1995 das Haus Huth verließ. Erst als rings um ihr geliebtes Heim ein Abgrund gefüllt mit Grundwasser gähnte, zog sie nach Zehlendorf – aber nur unter der Bedingung, zurückkehren zu können.

„Da hängen ja Gefühle und Geschichten an so ’ner Wohnung.“

„Ick hab’ damals gesagt: Ick geh’ hier nicht weg. Da hängen ja Gefühle und Geschichten an so ’ner Wohnung“, sagt sie. „Ich wollte unbedingt wieder an den Potsdamer Platz. Hier ist meine Heimat.“

Nach der Maueröffnung erwarb der damalige Automobilkonzern Daimler-Benz AG das Haus Huth. Er wollte es als Konzernrepräsentanz nutzen. Siegrid Klinke konnte also nicht in ihre alte Wohnung zurückkehren. 1998 zog sie daher in ein neu gebautes Haus an der Voxstraße, in eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der fünften Etage, unter sich ein Restaurant, auf der anderen Straßenseite die terrakottafarbene Fassade der Potsdamer-Platz-Arkaden – und schräg gegenüber, sodass sie es vom Balkon aus sehen kann, ihr Haus Huth.

Nach ihrer Rückkehr hat Siegrid Klinke den Wandel am Potsdamer Platz wieder hautnah miterlebt: Sie erlebte als Ehrengast die Eröffnung der Alten Potsdamer Straße, war dabei, als Ampeln, Straßenstücke und das IMAX-Theater am Potsdamer Platz eingeweiht wurden und saß bei der Feier zum fünfjährigen Bestehen des DaimlerChrysler-Quartiers in der Ehrenloge.

„Hier ist einfach mein Zuhause.“

Wird ihr der Trubel am Potsdamer Platz nicht manchmal zuviel? „Dass man hier nicht auf dem Land lebt, darüber muss man sich im Klaren sein“, sagt die 86-Jährige. Und es gäbe ja auch einige Vorteile: Der gesamte Platz sei barrierefrei, und im Winter, wenn es draußen glatt ist, könne man den Supermarkt in den Arkaden auch unterirdisch erreichen.

„Hier ist einfach mein Zuhause. Ick will aus dieser Wohnung rausgetragen werden“, sagt sie. Siegrid Klinkes Lieblings-Nachbarin aus dem Haus Huth ist nicht an den Platz zurückgekehrt, sondern 1994 zu ihrer Tochter in eine Kleinstadt gezogen. Kurz darauf ist sie gestorben. „An Heimweh und gebrochenem Herzen“, ist sich Siegrid Klinke sicher.

Text: Sandra Winkler
Illustration: Bente Schipp

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