Mit Hammer und Meißel in die Freiheit

Vor 26 Jahren gab die DDR dem Druck des Volkes nach und öffnete ihre Grenzen.
Am Potsdamer Platz entstand ein provisorischer Übergang – der Anfang vom Ende der Mauer

Es waren dramatische Stunden, als sich die Tore der Berliner Mauer an dem Abend des 9. November 1989 unverhofft öffneten: Tausende DDR-Bürger strömten nach Westberlin, vor den Grenzübergängen herrschte Massenandrang. Von Westberliner Seite aus kletterten Menschen auf die Mauer und hielten sie besetzt. Fast drei Jahrzehnte lang hatte das verhasste Bollwerk die Stadt geteilt. Um die angespannte Situation zu entschärfen, beschloss die DDR-Führung, neue Übergänge zu schaffen. Einer davon befand sich am Potsdamer Platz.

Und so kam es, dass in den frühen Morgenstunden des 12. November DDR-Soldaten mit schwerem Gerät Löcher in die Mauer rissen, die ihre Kameraden bis vor wenigen Stunden noch verteidigt hatten. Auf Westberliner Seite versammelten sich Schaulustige und traktierten die Mauer mit allem, was gerade zur Hand war: mit Hammer, Meißel und dem Sockel eines Straßenschildes, so „als könnten es die Leute nicht erwarten, hier einen Durchgang zu schaffen“, wie der Fernsehreporter vom RIAS kommentierte. Um 8 Uhr morgens rollten dann die ersten Trabis von der Leipziger Straße über das Niemandsland am Potsdamer Platz. Ein Jahr später war die Mauer Geschichte.

Einen Steinwurf vom Potsdamer Platz entfernt kann man einen der letzten erhaltenen Grenzwachtürme der Berliner Mauer besichtigen. Ein Erlebnis, aber nichts für Menschen mit schwachen Nerven: Nur 1,5 Meter Durchmesser hat die enge Betonröhre, in der man steile Leitern emporklettern muss, um die Turmkanzel zu erreichen.

Ein Gespräch mit dem Historiker Jörg Moser-Metius, der das Denkmal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat:

Herr Moser-Metius, es fühlt sich beklemmend an, in dem Grenzwachturm zu sein. Wie sah der Arbeitstag für einen Grenzer hier aus?
Man stand zu zweit oben in der Kanzel, jeder bewaffnet mit einer Kalaschnikow und einer Leuchtpistole für den Alarmfall. Einer beobachtete freundwärts, also nach Osten, der andere feindwärts nach Westen. Eine Schicht dauerte acht Stunden. Es gab weder Heizung noch Toilette. Privatgespräche waren unerwünscht.

Warum?
Es sollte auf jeden Fall vermieden werden, dass sich Freundschaften bilden. Die Männer wussten auch vorher nie, mit wem sie Dienst hatten oder ob der Kamerad vielleicht ein Stasi-Spitzel war.

Wer wurde denn zur Grenzsicherung eingeteilt? Waren das besonders regimetreue Offiziere der Nationalen Volksarmee?
Teilweise ja. Aber auch Wehrpflichtige oder junge Rekruten – allerdings nur die, die keine Verwandtschaft in Westdeutschland hatten. Für viele war es ein Horror, an die Berliner Mauer versetzt zu werden.

Wie hatten sich Grenzer zu verhalten, wenn sie jemanden sahen, der sich der Mauer näherte?
Die Soldaten wurden bei Dienstbeginn verpflichtet, Grenzverletzer unter allen Umständen zu stellen, zu verhaften oder zu töten.

Sie haben den Grenzwachturm von der Stadt Berlin übernommen und restaurieren lassen. Warum?
Ich wollte den Turm als Gedenkstätte erhalten. Im Stadtbild ist der Mauerverlauf heute nicht mehr ersichtlich. Viele wollen aber wissen: Wo stand die Mauer und wie sah sie aus? Dazu habe ich auch eine Ausstellung konzipiert, die auf dem Gelände direkt nebenan gezeigt werden soll. Doch noch fehlt es an Sponsoren.

Wachturm Potsdamer Platz

Grenzwachturm: Erna-Berger-Straße 7

Führung täglich 14-18 Uhr, Eintritt 3,50 Euro
berlinwallexpo.de

Teile der Mauer sind in einer Ausstellung vor dem Eingang zum Bahnhof Potsdamer Platz und vor dem Ristorante Essenza am Potsdamer Platz 1 zu sehen.

Weitere Informationen und Augenzeugenberichte vom Fall der Mauer auf chronik-der-mauer.de

 

 

 

 

 

Text und Interview: Ulrike Schattenmann

Fotos: Frits Wiarda; Department of Defense. Department of the Army. U.S. Army Europe. U.S. Army Berlin. Berlin Brigade.; Edward Valachovic, www.flickr.com/people/fauxaddress/; Nancy Wong/Edmunddantes; Hendrik Gerrit Pastor; Jörg Moser-Metius