Naherholung statt Nahverkehr am Gleisdreieck

Unfall Gleisdreieck 1908
Ende und Neubeginn des Gleisdreiecks

In den vergangenen 100 Jahren sorgte das Gleisdreieck in Berlin für urbane Mobilität, schrieb Stadtgeschichte und lieferte Filmstoff. Doch zum Liebling der Bevölkerung wurde das historische Gelände erst vor zwei Jahren – als einer der schönsten Parks der Hauptstadt.

Was für ein schockierender Anblick: Nach dem Zusammenprall zweier Züge ist ein 17 Tonnen schwerer U-Bahn-Waggon von einem Viadukt gestürzt und liegt nun zertrümmert auf dem Boden, ein zweiter hängt noch seitlich über der Brüstung. Verwundete stecken in den Trümmern fest, rufen um Hilfe, Feuerwehrleute versuchen unter Lebensgefahr den oberen Waggon mit einer waghalsigen Konstruktion aus Tauen zu sichern, damit er nicht auch noch in die Tiefe stürzt. Am 26. September 1908 sterben 18 Menschen, 20 werden verletzt. Die Konsequenz aus dem Unfall: Der Ort des Unglücks, das Berliner Gleidreieck, wo drei Hochbahnstrecken zusammentreffen, wird komplett umgebaut.

Umbau des Gleisdreiecks

Trafen bis dato die drei Hochbahnstrecken vom Ernst-Reuter-Platz (der bis 1953 Bahnhof Knie hieß), Potsdamer Platz und Warschauer Brücke am Gleisdreieck zusammen, wurde die Verzweigung 1912 aufgelöst, um eine erneute Kollision mit Absturzgefahr zu verhindern. Stattdessen begann die Berliner Hochbahngesellschaft mit dem Bau eines Bahnhofs, in dem die Züge auf zwei verschiedenen Etagen einfahren sollten. Zuerst wurde der untere Bahnsteig fertiggestellt, dann nahm der obere den Betrieb auf. Die letzten Arbeiten wurden im August 1913 abgeschlossen. Das Gleisdreieck als schienentechnische Konstruktion existierte so nicht mehr, nur der Name ist bis heute geblieben.
Das Unglück, das dem Bahnhof seine heutige Form gab, verblasste in der Erinnerung und wurde zu einer Marginalie der Berliner Stadtgeschichte. Doch bereits 1937 war das Gleisdreieck wieder in aller Munde: Regisseur Robert A. Stemmle drehte dort den gleichnamigen Krimi, der noch heute als Studie des Berliner U-Bahn-Milieus fasziniert.

Eine Parkanlage entsteht

Zum Liebling aller Berliner wurde das Gleisdreieck allerdings nicht als Bahnhof. Nördlich der Bahnsteige, wo 40 Jahre lang auf einer 17 Hektar großen Brachfläche unzugänglicher Wildwuchs herrschte, wurde am 2. Spetember zunächst im Ostteil eine Parkanlage eröffnet. Reger Bürgerbeteiligung war es zu verdanken, dass sich alle Akteure auf eine Kombination aus Naturbelassenheit und gepflegter Kulturlandschaft einigen konnten – eine Herausforderung, die die Landschaftsplaner hervorragend meisterten. Fußgänger, Radfahrer, Skater, Jogger und Picknicker fühlen sich hier heute gleichermaßen wohl. Das abwechslungsreiche Gelände am Gleidreieck bildet mit seinen großzügigen Wiesen einen für Städter ungewohnten Weitblick und die schattigen Baumgruppen sind eine einzigartige Erholungsfläche mitten in Berlin. Dazwischen finden sich immer wieder alte Gleisanlagen, Signalreste und Gleisgruben.

Gleisdreieck Westpark
Der neue Westpark mit Blick auf den Potsdamer Platz

Früher als geplant, nämlich am 31. Mai 2013, eröffnete auch der Westteil und verbindet seitdem den Park mit dem Potsdamer Platz. Die neun Hektar große Grünfläche bietet Kinderspielplatz, Sonnendeck, ein Café und eine Sportfläche mit Trampolin, Torwand sowie Beachvolleyballfeldern. Nach Norden hin haben Besucher einen beeindruckenden Blick auf die Skyline des Potsdamer Platzes. Ähnlich wie das Stadtquartier des Platzes markiert auch der Park am Gleisdreieck die kontinuierliche Nutzbarmachung stadt- und verkehrsgeschichtlicher Leerstellen, die nach und nach den Bürgern zurückgegeben werden. Die neue Mitte Berlins ist weiter gewachsen – und grüner geworden.

Text: Bernd Ratmeyer
Foto 1: k.A., Rechte: Landesarchiv Berlin K00834
Foto 2 & Header: Lichtschwärmer / Christo Libuda