Tina Knaus: Die Baronesse lässt bitten

Als Tina Knaus Anfang der 1980er-Jahre nach Berlin kam, war der Potsdamer Platz Brachland. Heute führt die studierte Historikerin Besucher durch das Quartier – im historischen Kostüm als Baronesse Apollonia von Rabenstein.

BaronesseFrau Knaus, was ist für Sie das Besondere am Potsdamer Platz?
Der Platz knüpft an die quirlige Lebendigkeit der Vorkriegszeit an. Als ich 1981 nach Berlin kam, herrschte hier noch Endzeitstimmung: eine Sandwüste mit Mauer, zwei einsame Häuser im Nirgendwo – ein Platz zum Vorbeifahren. Jetzt ist ein pulsierendes Großstadtherz entstanden.

Hat sich Ihre Beziehung zum Potsdamer Platz in den vergangenen 30 Jahren verändert?
Ich war gespannt darauf, wie die Menschen den Platz nach dem Wiederaufbau annehmen würden und freue mich, dass sie ihn für sich zurückerobert haben. Zugleich wandelt er sich ständig, diese Dynamik gefällt mir.

Bitte ergänzen Sie die Einladung an einen Berlinbesucher: „Wer nach Berlin kommt, muss unbedingt zum Potsdamer Platz, weil …“
… hier die ganze Welt zusammenkommt – und das nicht nur, wenn die internationalen Stars zur Berlinale einfliegen.

Der schönste Moment Ihrer täglichen Arbeit am Potsdamer Platz?
Immer wenn ich für meine Führung in das historische Kostüm der kaiserlichen Baronesse Apollonia steige, die schon damals durch die Straßen am Potsdamer Platz flanierte und den Cul de Paris (ein Kleidungsstück, das das Gesäß aufbauscht, Anm. d. Red.) zurechtrücke, mit meinen Gästen losschwänzele und meine Geschichten erzähle, die kleinen und die großen. Genau wie der Engel Damiel im Film „Himmel über Berlin“ sucht meine Apollonia nach Spuren der Geschichte: nach den Mädchen, die sich mit ihren Liebsten zum Five o’Clock Tea an der Verkehrsampel verabredeten, mit den Verwandten vom Land das stündlich inszenierte Gewitter in den Rheinterrassen vom Haus Vaterland bestaunten oder Gigolos für die neuesten Modetänze mieteten, bereit für den ekstatischen Tanz auf dem Vulkan.

Wie beschreiben Sie die Stimmung am Potsdamer Platz?
Ich mag das mediterrane Flair: Farben von Terrakotta bis Cappuccino, die engen Straßenfluchten mit Piazzi und viel Wasser. Wie eine italienische Kleinstadt, aber sehr modern zitiert.

Ihr Lieblingsort am Potsdamer Platz?
Der Marlene-Dietrich-Platz. Und dort ein sonniges Plätzchen am Wasser. Ich stelle mir vor, wie der Metzgermeister Cassel hier sein Kotelett erfand, „Die Biene Maja“ erstmalig im Vox-Haus gesendet wurde und die Brüder Grimm ihre gesammelten Märchen aufschrieben.

Interview: Bernd Ratmeyer | Foto: Jens Wiese / Kulturfotograf-Berlin.de