Von Anfang an ein gutes Klima

Die Macher des Quartiers Potsdamer Platz hatten die Umwelt und die Lebensqualität seiner Bewohner im Blick – entsprechend wurde von langer Hand geplant.

Blick auf Piano-See vom Reichpietschufer
Blick auf Piano-See vom Reichpietschufer

Das Quartier Potsdamer Platz steht auf solidem Grund – und erbt damit eine altbekannte stadtplanerische Herausforderung: die Versiegelung des Bodens. Das Regenwasser hat nicht viele Möglichkeiten, zu versickern. Wohin also mit dem Nass von oben?, fragten sich die Macher des Potsdamer Platzes. Ihre Antwort: Behalten! Die Idee zu einem der modernsten Konzepte für nachhaltigen Umgang mit Wasser in der Stadt war geboren.

Fangen wir oben an: Die Dächer im Quartier sind extensiv begrünt. Auf 16.300 Quadratmetern blüht es – ohne Dünger, ohne Chemie – auf Flächen aus Glas, Kies, Metall und Bitumen. Über Fallleitungen wird dann das Wasser gesammelt und weitergeleitet. Durchschnittlich 20 Prozent des jährlich anfallenden Regens werden für die urbanen Gewässer, für Pflanzen oder auch für die Toilettenspülung  verwendet. Die restlichen 80 Prozent verbraucht die Dachbegrünung oder das Wasser verdunstet und leistet so seinen Teil zur Verbesserung des Klimas im Quartier.

Ist der Regen unten angekommen, übernimmt Gerd Daugardt von der Firma Wisag. Daugardt ist der technische Betreiber des urbanen Gewässers und er hat vel zu tun: Noch bevor das Wasser die drei Seen des Potsdamer Platzes – das Hauptgewässer, das Südgewässer und das Piazzagewässer bei der Spielbank – füllt, gelangt es in einen Kiesfilter. Dort wird das “Rohwasser”, wie Daugardt es nennt, vorgefiltert. Das Ergebnis ist das “Brauchwasser”. Dieses gelangt in fünf unterirdische Zisternen und ein Vorratsbecken mit einem Gesamvolumen von 2.600 Kubikmetern.

Immer in Bewegung

Ab hier nimmt ein komplexer Apparat seine Arbeit auf: 18 Pumpen befördern das Wasser nach oben zu den Toiletten, zu den Pflanzen im Quartier und schließlich in die Seen. Diese drei Gewässer kühlen im Sommer die Luft um zwei bis drei Grad hinunter. So ist es im Quartier luftiger, angenehmer und letztlich auch gesünder als in manch anderem urbanen Zentrum der Hauptstadt.

Ökosystem am Potsdamer Platz (Infografik: Bente Schipp)
Ökosystem am Potsdamer Platz (Infografik: Bente Schipp)

Die Pumpen indes lassen das Wasser computergesteuert zirkulieren, um für den nötigen Sauerstoffgehalt zu sorgen und Verschmutzung zu vermeiden. Die Bewegung sorgt ganz nebenbei auch für eine gestalterische Bereicherung: Strömungshindernisse wie die Wellenstufen am Marlene-Dietrich-Platz erzeugen Muster, die im Spiel mit Licht und Wind zur ganz eigenen Ästhetik des Quartiers beitragen.

Doch gänzlich von allein reinigt sich das Wasser so nicht. Gerd Daugardt überprüft täglich Sauerstoffgehalt, Trübung und Temperatur des urbanen Gewässers und schaltet bei Bedarf eine Mikrosiebanlage zu, die Algen und Schwebeteile aus dem Wasser filtert. Diese Sedimente werden in einem Abflussbecken gesammelt, das regelmäßig gereinigt wird.

Schwierigkeiten gibt es bei diesem ausgeklügelten System selten. Nur die Strohhalme, die Besucher in die urbanen Gewässer werfen, verursachen Probleme. “Sie sind zwar dünn, aber lang genug, um in den Pumpen hängenzubleiben”, sagt Daugardt. Die Fische hingegen machen keinen Ärger. Ganz im Gegenteil: Sie sorgen für eine biologische Reinigung des Wassers. Unlängst hat er sogar eine Wasserschildkröte entdeckt. “Wie die in den See gekommen ist, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.”

Mit Wasserschildkröten musste sich Gabriele von Kardoff nie auseinandersetzen. Die gelernte Bauingenieurin war in der Planungs- und Bauphase des Quartiers Potsdamer Platz als Bauökologin der Firma Drees&Sommer wesentlich am gesamtökologischen Management beteiligt. Das Wasserkonzept samt Dachbegrünung und Rückhaltesystem war ihre Idee. Heute führt von Kardoff das Planungsbüro Kardoff Ingenieure Lichtplanung GmbH, doch auf ihr Konzept für das Quartier ist sie immer noch stolz – vor allem, weil es Punkt für Punkt über neun Jahre hinweg realisiert wurde. So setzte von Kardoff schon zu Beginn durch, dass der wichtigste ökologische Faktor, die Energieversorgung, zentral durch Fernkälteversorgung erfolgt und nicht durch Einzelanlagen, womit die wichtigsten Weichen für ein Ökomanagement gestellt wurden.

Natürliches Klima

Auch die 19 Gebäude des Quartiers sind energieoptimiert. Hochhäuser verfügen in der Regel in den oberen Stockwerken nicht über Fenster, die zu öffnen sind. Anders im Quartier. Die Doppelfassade im EICHHORNSTRAßE 3 etwa setzte technische Standards. In aufwändigen Modellversuchen errechneten von Kardoff und ihre Mitarbeiter, dass eine äußere, durchsichtige Fassade mit lamellenartigen Öffnungen den Winddruck erheblich vermindert und gleichzeitig für Lüftung sorgt, ohne dass alle Papiere vom Schreibtisch wehen. Im Winter nutzt sie die passive Sonneneinstrahlung. Es entsteht ein energieoptimiertes Raumklima, das nur bei Bedarf durch eine mechanische Lüftung unterstützt wird.

Auch wichtig für das Raumklima sind die schadstoffgeprüften Baumaterialien. Verwendete Lacke, Farben, Dämmstoffe und Bodenbeläge mussten den strengen Kriterien entsprechen, die von Kardoff vorgab. “Da ging kein Ausschreibungstext und kein Bauvertrag raus, den wir nicht geprüft hätten”, erinnert sie sich. Die Raumluftuntersuchungen ergeben immer noch Bestwerte. Legendär ist das “Bauleiterhandbuch”, das die über 200 beteiligten Baufirmen motivierte, vom Rohbau bis zur Inneneinrichtgung ökologischen Maßstäben zu folgen.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der im Vergleich zu einer herkömmlichen Energieversorgung um 70 Prozent verringerte Kohlendioxidausstoß, schadstofffreie Lebensräume und der Verzicht auf Klimaanlagen sorgen bis heute für eine weltweite Aufmerksamkeit und Anerkennung nicht nur unter Architekten. 2011 erhielt das Quartier das Zertifikat in Silber von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – und das 20 Jahre nach Planungsbeginn.

Text: Bernd Ratmeyer
Fotos: Vincent Mosch
Infografik: Bente Schipp

 

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